| Die pfundigen Kids werden lautstark plattgemacht |
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FAZ, 2. Februar 2001 Die pfundigen Kids werden lautstark plattgemacht Nachhilfestunden in Sachen Sport: Auch in Berlin kämpft ein Projekt gegen Übergewicht BERLIN. Beim Training im Berliner Sport-Gesundheitspark haben Kinder jeden Sonntag besondere Ziele: Sie sollen auf dem Ergometer ein Eis „wegtreten", einen Pfannkuchen „weglaufen" oder einen Hamburger „wegschwimmen". So sieht es das Programm vor bei den Kursen für „pfundige Kids", Kinder, die wegen ihres Übergewichts den Spaß an der Bewegung verloren haben und denen der Schulsport oft eine Qual ist. Einmal in der Woche treffen sie sich im Berliner Stadtteil Wilmersdorf zu einem zweistündigen Training. „Es ist eine Art Nachhilfe für den Sportunterricht", sagt Peter Schwitters, der Geschäftsführer des Sport -Gesundheitsparks. Wenn die Kinder ein oder eineinhalb Jahre regelmäßig erschienen sind, sich in ihrer Freizeit anders verhalten und besser ernähren, sollen sie wieder Anschluss finden im Schul- und Vereinssport, selbstbewusster auftreten und im Wortsinn Angriffsfläche für Hänseleien verloren haben. Angebote wie das des Sport-Gesundheitsparks sind in den vergangenen Jahren einige entstanden. Vor allem in den Ballungszentren der Republik reagieren unterschiedlichste Institutionen auf das wachsende Problem des Übergewichts bei jungen Menschen: Kliniken, Selbsthilfegruppen und auch immer mehr Sportvereine. Schule und Elternhaus sind meist nicht nur überfordert mit der Lösung, sie sind oftmals auch die Ursache des Übergewichts. Bei Leistungsdruck und zerrütteten Familienverhältnissen suchen viele Kinder Trost bei Essen und Trinken. Nun setzt sic allmählich die Einsicht durch, dass eine Diät allein wenig ausrichtet, ebenso eine Kur, bei der die Kinder einige Wochen leicht abnehmen, um dann in ihrer gewohnten Umgebung wieder schnell zuzunehmen. Den seriösen Angeboten liegen daher die Prinzipien Langfristigkeit und Vielseitigkeit zugrunde. Schneller Gewichtsverlust wird abgelehnt, die Programme stehen auf den Säulen Ernährung, Bewegung, Bewegung, Verhalten. Der Sport, beim Abnehmen lange ein vernachlässigter Faktor, steht jetzt oft im Mittelpunkt. Wie im Berliner Sport-Gesundheitspark. Die übergewichtigen Kinder sind hier zwar unter sich. „Aber wir machen hier keine Wohlfühlgruppen auf, in der sie niemand ärgert. Es sind Leistungsgruppen, und nach zwei Stunden ist jeder platt", sagt Schwitters. Wie das geht, verdeutlicht ein Besuch in der Gruppe von Endré Puskas, einem von sieben Trainern, die meisten von Ihnen sind Diplomsportlehrer. Als es sich die Kinder auf den Matten bequem machen wollen, anstatt mit Übungen ihre Muskulatur zu kräftigen, wird Puskas laut. „Entweder ihr macht die Übungen richtig, oder wir fahren eine Stunde auf dem Ergometer." Das zeigt Wirkung. „Unser Feldwebel", nennen sie Puskas. Seiner Gruppe werden vor allem hartnäckige Fälle zugeteilt. Jede Trainingseinheit ist nach einem bestimmten Schema aufgebaut. In der Sporthalle wird Kondition geschult, auf dem Ergometer die Ausdauer, auf der Matte die Muskelkraft. Zum Abschluss geht es ins Schwimmbad. Während sich die Kinder austoben, findet ein Basistraining für die Eltern statt. „Wenn die Eltern nicht mitziehen, ist die Aussicht auf Erfolg gering", sagt Schwitters. Bis zu 140 Kilo wiegen die Kinder, von denen die meisten zwischen neun und elf Jahre alt sind. Angeboten werden jedoch auch Kurse für Jugendliche bis 17 Jahre. 40 Mark beträgt die Teilnahmegebühr im Monat. Bei einer Einheit pro Woche hält sich der Gewichtsverlust in Grenzen. „Eigentlich ist es nicht möglich, hier abzunehmen. Aber es gelingt aufgrund der Rückkopplungswirkung im Alltag", erklärt Schwitters und spricht davon, dass das Programm dazu beitrage, den „Schalter im Kopf umzulegen". Von theoretischer Ernährungsberatung sind die Kursleiter abgekommen. Stattdessen erhalten die Kinder jetzt Anschauungsunterricht. Etwa, wenn ein Teilnehmer stark gezuckertes Wasser als Synonym für Cola und Limonade trinkt und die Gruppe zusieht, wie seine Leistungsfähigkeit Stück für Stück abnimmt. 100 Kinder trainieren zurzeit im Sport-Gesundheitspark, und einige stehen noch auf der Warteliste. Damit zählt das Berliner Angebot zu den größten der Republik. Zu den etablierten gehört das Freiburger „Fitoc"-Modell, das bereits seit 1987 besteht und das Hamburger Programm „Moby Dick". Jedes Projekt hat eine eigene Philosophie. Ulrike Korsten-Reck baut mit „Fitoc" vor allem auf die Strukturen des Freiburger Universitätsklinikums. Die Schulärztin Christiane Petersen, die „Moby Dick" leitet, sieht die Stärke des Hamburger Programms in der dezentralen Organisation: „Übergewichtige Kinder kommen vor allem aus unteren sozialen Schichten. Die kann man in ihren Stadtteilen eher gewinnen als in einer Universitätsklinik." Einheitliche Statistiken, auf deren Grundlage die Programme miteinander verglichen werden können, gibt es noch nicht. „Wir können nicht beweisen, wie effektiv das Programm ist", sagt Schwitters. Es sind vor allem die Rückmeldungen, aus denen er den Erfolg des Projekts abliest: Wenn ihm zum Beispiel ein Kind erzählt, der Schulsportlehrer habe es nicht wiedererkannt. FRIEDHARD TEUFEL - als Bild |





