| Mit dem Leben von Nachwuchssportlern spielt man nicht |
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Berliner Morgenpost, 25. Juni 2002 Mit dem Leben von Nachwuchssportlern spielt man nicht Das Wort zum Sport Von Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes Wer es in Deutschland zum Spitzenathleten gebracht hat, braucht sich um seine sportärztliche Betreuung keine Gedanken zu machen. In den Bundesstützpunkten ist für routinemäßige Beratung und Untersuchung gesorgt. Innenminister Otto Schily weiß, was das Land den sportlichen Aushängeschildern schuldig ist. Bei Nachwuchskadern allerdings hört die Zuständigkeit des Bundesministeriums des Inneren (BMI) auf. In den Bundesländern regeln eigene Gesetze den Anspruch eines Jung-Athleten auf medizinische Begleitung. Allein in Deutschlands Leistungssport-Hochburg Nummer eins ist die Landesregierung gerade dabei, sich der Verantwortung für ihre Sportler billig zu entziehen. Berlins rot-roter Senat will nun aus der Muss- eine Kann-Bestimmung machen. Wo gleichzeitig die entsprechende Position im Gesundheits-Etat auf Null gefahren wird, gehen junge Sportler demnächst ohne ärztliche Beratung an den Start. Das Landesinstitut für Sportmedizin betreut in Berlin mehr als 2500 Nachwuchs-Kader. Die beiden Untersuchungsstellen des Instituts sollen nach dem Willen des Senats zum Jahresende die Pforten schließen. Zwar ist beschönigend von «Privatisierung» die Rede, doch nicht nur das ärztliche Personal in Zehlendorf und Hohenschönhausen weiß, was dies in Wahrheit heißt. Ein privates sportmedizinisches Zentrum kann seine Dienste kaum zum Nulltarif anbieten. Wenn ein Berliner Jung-Athlet in der Zukunft für jede sportärztliche Beratung selbst aufkommen muss, findet sie dann schlicht nicht mehr statt. Bei der Diskussion um den Gesundheitshaushalt wollten die Kürzungskommissare einander wohl erst einmal Mut machen. In den Beratungen sei ein weiter Bogen von der sportmedizinischen Beratung zum Dopingsumpf geschlagen worden, wird kolportiert. Vielleicht glaubten die Entscheider, ihr Gewissen beruhigen zu müssen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die regelmäßigen sportärztlichen Untersuchungen schärfen früh das Gesundheitsbewusstsein des Athleten. Auf dass er gar nicht erst in Versuchung gerät, zu verbotenen Mitteln zu greifen. Sportmediziner, die ihren Beruf ernst nehmen, klären ihre Schützlinge umfassend über Gefahren auf. Ein gegenteiliger Fall ist aus Berlin nicht bekannt. Politiker, deren Phantasie beim Spitzensport nur bis zur Doping-Thematik reicht, disqualifizieren sich selbst. Die Generation der Leistungsbereiten hat bei ihnen einen schlechten Stand. Wer in der rotroten Koalitionsvereinbarung die Erwähnung des Spitzensports vermisst hat, weiß jetzt, dass dies kein Zufall war. Mit der entsprechenden Grundhaltung fällt die Änderung störender Gesetze nicht schwer. Wenn Sportförderungs- und Gesundheitsdienst-Gesetz der Beseitigung des Landesinstituts im Wege stehen, werden sie mit der Verabschiedung des Berliner Haushalts kalt lächelnd umgeschrieben. Da wird zuvor nicht medizin- oder sportfachlich darüber diskutiert. Wo Haushaltssanierung zur Ersatzreligion mutiert, ist beinahe jede Schandtat erlaubt; notfalls im Schutz der nahen Schulferien. Dabei sollten Fachleute eigentlich wissen, dass die Berliner Finanzmisere ohne äußere Hilfe ohnehin nicht lösbar ist. Schon gar nicht durch Mini-Beiträge aus dem Gesundheitsetat. Eltern, die ihren Nachwuchs auf eine sportorientierte Schule oder in einen Leistungssport-Verein schicken, brauchten Gesundheitsrisiken für die Kinder bisher nicht zu fürchten. In 444 Fällen erkannten die Ärzte im vergangenen Jahr rechtzeitig sportmedizinische Ausschluss-Gründe. 32-mal mussten sie völlige Sportuntauglichkeit diagnostizieren. So konnte mit Hilfe des Landesinstituts mancher Sportschaden oder gar Todesfall verhindert werden. Das kann sich schnell ändern. Noch hat der Senat das Sporttreiben nicht verboten. Aber wenn sich das Land seiner Fürsorgepflicht für junge Sportler unerwartet entledigt, muss es auch für die Folgen gerade stehen. Kommt der erste Jugendliche zu vermeidbarem Gesundheitsschaden, stehen Berlin zu Recht Regressforderungen ins Haus. Spätestens dann werden Politiker vor die Gerichtsschranken gezerrt. Auch im Zeugenstand dürfte das für sie alles andere als angenehm sein. Gelegenheit zur Umkehr war schließlich genug. |





