| Hustensaft und verseuchte Schnitzel |
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Berliner Zeitung, 26. August 2006 Hustensaft und verseuchte Schnitzel Prävention ist die beste Methode der Dopingbekämpfung Jörg Oberwittler BERLIN. Ihre Karriere ist vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. Zumindest für die nächsten zwei Jahre ist für Hermon Brhane, 15, aus Hessen die große Tenniskarriere auf Eis gelegt. Weil die Nachwuchsspielerin von ihrem Arzt das falsche Medikament verschrieben bekommen hatte, wurde sie positiv getestet. Das kommt die Tochter einer achtköpfigen Flüchtlingsfamilie aus Eritrea teuer zu stehen: Mit einer Sperre von zwei Jahren verhängte der Deutsche Tennisbund (DTB) im Mai nicht nur die erste Dopingstrafe in der Geschichte des deutschen Tennis, sondern gleichzeitig eine überaus harte für eine so junge Sportlerin. Das Mädchen aus Sprendlingen darf nun weder an Turnieren noch an Teamwettbewerben teilnehmen. Bis heute hat der Kinderarzt dem DTB keine eindeutige Stellungnahme gegeben. Das leuchtet ein, denn in Deutschland kann zwar nicht der Sportler, wohl aber der Arzt für Doping juristisch zur Rechenschaft gezogen werden, zumal wenn die Athletin noch minderjährig ist. Unklar bleibt somit, warum das Medikament Spasmo-Mucosolvan, das bei Asthma-Anfällen verschrieben wird, überhaupt zum Einsatz kam. Eine Blutuntersuchung bei der 15-Jährigen durch einen zweiten Arzt brachte keine Anhaltspunkte für Atemstörungen. War es ein Dopingversuch oder nur ein Fehler des Arztes? Was wusste die Familie, was die Sportlerin selber? Hätte sich das Mädchen davor schützen können, ohne eigene Schuld positiv getestet zu werden? Für den Sportmediziner Robert Margerie aus dem Berliner Sportgesundheitspark ist der Fall klar: Niemals hätte der Arzt ihr ein Medikament mit dem Wirkstoff Clenbuterol verschreiben dürfen, denn das steht eindeutig auf der Liste der verbotenen Wirkstoffe, die beispielsweise auf der Internetseite der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada) zu finden ist. Hier hätte auch die Familie Brhane nachschauen müssen. Der DTB verweist ebenfalls auf dieses Angebot und hält Infobroschüren bereit. Ein DTB-Mitarbeiter aus Hamburg behauptet, die Familie hätte dieses Angebot nicht genutzt. Aber vor allem die Sportler selbst sieht Margerie in der Pflicht: "Man muss sich stets auf dem Laufenden halten, die Substanzen im Einzelfall immer überprüfen." Außerdem muss der Sportler seinen Arzt vor der Behandlung darüber informieren, dass er Leistungssport betreibt. Doch nicht nur das falsche Medikament kann ein positives Testergebnis zur Folge haben. Auch über Nahrungsergänzungsmittel kann ein Sportler unbeabsichtigt in die Dopingfalle tappen. Jochen Zinner, Chef des Olympiastützpunktes Berlin (OSP), hält das Risiko für "sehr wahrscheinlich". Nach Studien der Kölner Sporthochschule sind einige Nahrungsergänzungsmittel mit verbotenen Stoffen verunreinigt. So bergen zum Beispiel in den USA hergestellte Präparate ein hohes Risiko der Kontamination mit anabol-androgenen Steroiden, die auf der Verpackung nicht aufgelistet sind. Zinner rät seinen Athleten deshalb, solche Ergänzungsmittel nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt zu verwenden. "Man könnte sie auch ganz weglassen", meint hingegen Paul Heinz Wellmann, Trainer und Geschäftsführer der Leichtathletik-Abteilung vom TSV Bayer Leverkusen, Verein der Speerwurf-Europameisterin Steffi Nerius. "Wir weisen unsere Sportler darauf hin, grundsätzlich über Nahrungsergänzungsmittel nachzudenken", sagt Wellmann. Selbst als Profi müsse man diese nicht unbedingt nehmen. "Unsere Sportler sind schon von sich aus gut informiert. Aber nicht zu hundert Prozent. Für den Rest sorgen wir." Durch interne Gespräche mit Physiotherapeuten und Trainern wird der Nachwuchs aufgeklärt. Hinzu kommen Vorträge an der benachbarten Kölner Sporthochschule. Bis zu fünf Mal in der Woche würden Dopingkontrolleure in der Trainingsphase bei den Bayer-Athleten unangemeldet auftauchen und das Urin-Töpfchen aus dem Koffer ziehen, sagt Wellmann. Die Sportler werden meist nach dem Zufallsprinzip von der Nada und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ausgewählt, zielgerichtete Kontrollen in der Trainingsphase finden insgesamt allerdings zu wenig statt. Im vergangenen Jahr wurden im Nada-Verantwortungsbereich 8 321 Kontrollen durchgeführt - es gab 68 positive Fälle. Eine dritte Möglichkeit - neben falscher Beratung und angeblich verunreinigten Nahrungsergänzungsmitteln -, die erwischte Sportler immer wieder gern als Ausrede anführen, halten Experten allerdings für unwahrscheinlich: die Ernährung. "Ich schätze die Chance auf eins zu einer Million, dass man wegen eines hormonverseuchten Stückes Fleisch positiv getestet wird", sagt Wellmann. Dies sieht Sportmediziner Margerie ähnlich: "Ein hundertfach erhöhter Wert kann nie auf ein Schnitzel zurückgeführt werden." Damit es gar nicht erst so weit kommt, setzt der Berliner OSP-Chef Jochen Zinner auf Prävention. "Wir müssen etwas machen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist." Dass hier noch enormer Nachholbedarf besteht, hat Gerhard Treutlein, Professor an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, zur Genüge erfahren. Schon seit Jahren versucht der Buchautor, die Verbände und Vereine für die Prävention zu sensibilisieren. Oft wurde seine Arbeit behindert, in letzter Zeit allerdings mehren sich positive Anzeichen auf fruchtbare Kooperationen. Viel zu lange habe der Leistungssport das Thema vernachlässigt, sagt Treutlein. Somit schützt zwar die sprichwörtliche Unwissenheit vor Strafe nicht - wohl aber das Wissen über Doping. Ein Wissen, das wahrscheinlich die Karriere von Hermon Brhane gerettet hätte. ------------------------------ "Vorbeugen ist besser als heilen. Dopingprävention ist mindestens genauso wichtig wie Repression." Professor Gerhard Treutlein, PH Heidelberg ------------------------------ Lesen bildet - auch wenn es um Doping geht Dopinglisten: Die international gültige und aktualisierte Standardliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (www.wada-ama.org) finden Sportler im Internet. Bei fraglichen Medikamenten kann überdies eine Anfrage an die deutsche Anti-Doping-Agentur (www.nada-bonn.de) oder an die Deutsche Sporthochschule in Köln geschickt werden. Prävention: Die Deutsche Sportjugend (www.dsj.de) bietet kostenlos eine von Experten der PH Heidelberg erstellte Präventionsmappe "Sport ohne Doping" an. Bestellungen per Email an: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. . Literatur: Gerade erschien im Verlag Meyer & Meyer das Aufklärungsbuch "Dopingprävention in Europa" (Herausgeber: Wolfgang Knörzer, Giselher Spitzer und Gerhard Treutlein). ------------------------------ Foto : Opfer der Medizin? Hermon Brhane, 15, wegen Dopings gesperrtes Tennistalent aus Hessen. |





