| Störanfällige Kraftpakete |
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Berliner Zeitung, 15. August 2007 Störanfällige Kraftpakete Der Mensch besitzt mehr als 600 Muskeln. Man muss sie gut behandeln, damit sie ihren Dienst tun Marion Hughes Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum Sie sich dreimal in der Woche im Fitnesscenter schinden und trotzdem nicht abnehmen? Warum nach drei Monaten Training an Sportgeräten, die Namen tragen wie Hammer Finnlo Ab Domino oder InShape Innovation Hängestreckliege, nach Klimmzügen, Rumpfbeugen und Liegestützen der Zeiger der Waage sogar noch mehr ausschlägt als zuvor? Dann haben Sie sich noch nicht ausreichend mit Ihrem Körper beschäftigt. Denn was sich negativ auf der Waage zeigt, zeichnet sich erfreulich unter der Haut ab: die Muskeln. Mehr als 600 Muskeln besitzt der Mensch. Sie sind es, die im Zusammenspiel mit Knochen und Gelenken jede Bewegung erst ermöglichen, dem Körper die nötige Spannung geben - und annähernd die Hälfte des gesamten Körpergewichts ausmachen. Zudem können Muskeln etwas, wozu sonst kein weiteres Organ im menschlichen Körper in der Lage ist: Sie dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen. Alle unsere Bewegungen funktionieren nach diesem Prinzip: Zusammenziehen und Lösen. Beim Sport werden ermüdete, aktive Muskelfasern durch inaktive abgelöst, und zwar so lange, bis alle Fasern im Einsatz waren. Danach geht es wieder von vorne los. Der kontinuierliche Reiz regt die Muskeln zum Wachstum an. Wer jedoch übertreibt, erreicht das Gegenteil: die Muskeln streiken. Im harmlosesten Fall meldet sich am nächsten Tag ein Muskelkater. Man kann sich aber auch eine schmerzhafte Muskelzerrung, einen Muskelfaserriss oder sogar einen Muskelriss zuziehen. Bei maßvollem Training hingegen werden Muskeln gestrafft und gestärkt und der Mensch bleibt gesund. --------------------------- MUSKELVERLETZUNGEN MUSKELKRAMPF Symptome: Muskelkrämpfe machen sich durch einen plötzlich einsetzenden, messerstichartigen Schmerz bei gleichzeitiger Verhärtung der betroffenen Muskeln bemerkbar. Ursachen: Die Ursachen für Muskelkrämpfe sind vielfältig. Häufig ist Mineralstoffmangel oder eine Überbeanspruchung der Muskulatur die Ursache. Aber auch mangelnde Durchblutung, Flüssigkeitsmangel, eine besondere Gruppe von fettsenkenden Medikamenten (Statine), Kälte, aber auch zu viel Alkohol kommen als Ursachen in Frage. Vorbeugung: Um Krämpfe zu verhindern, immer ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen und magnesiumhaltige Lebensmittel (z.B. Geflügel, Milchprodukte, Gemüse) essen. Erste-Hilfe: Tritt der Krampf beim Sport auf, die sportliche Aktivität abbrechen und den Muskel dehnen. Noch wirksamer ist das Anspannen des betroffenen Muskels. Eine leichte Massage und das Einreiben mit einer durchblutungsfördernden Salbe unterstützen die Entspannung. MUSKELKATER Symptome: Die Muskeln schwellen an, werden steif, sind kraftlos und schmerzen bei Druck. Meist erreichen die Schmerzen nach drei Tagen ihren Höhepunkt. Sie dauern bis zu einer Woche an. Ursachen: Die Annahme, dass der Muskelkater aufgrund einer Übersäuerung des Muskels mit Milchsäure auftritt, ist veraltet. Heute geht man davon aus, dass es durch Überlastung zu kleinen Rissen in den Z-Scheiben des Muskelgewebes kommt. Durch die Risse entstehen Entzündungen, der Muskel schwillt an und beginnt nach 12 bis 24 Stunden zu schmerzen. Die Risse entstehen beim Bremsen von Bewegungen (z.B. bergab gehen) schneller als beim Beschleunigen (bergauf gehen). Vorbeugung: Regelmäßiges Ausdauertraining, bei dem die Leistung langsam gesteigert wird, ist die beste Vorbeugung. Außerdem die Muskulatur vor dem Sport aufwärmen. Einreiben mit durchblutungsfördernden Muskel-Ölen kann einem Muskelkater zusätzlich vorbeugen. Erste Hilfe: Das Training unterbrechen, also nicht "gegentrainieren", dies bremst den Heilungsprozess. Bis zum Abklingen des Schmerzes schonend bewegen. Sanfte Massagen, Bäder mit durchblutungsfördernden Zusätzen wie etwa Rosmarin und Fichtennadel sowie Saunagänge helfen, die Durchblutung anzuregen. Salben mit Arnika oder Kalium lindern den Schmerz. Zusätzlich können Mineralstoffgetränke mit Magnesium oder Kalium getrunken werden. MUSKELZERRUNG Symptome: Der Muskel schwillt etwas an, ist verhärtet und un-elastisch. Die Schmerzen sind krampfartig. Die betroffenen Muskelbündel verhärten sich. Ursache: Muskelzerrungen entstehen meist durch eine Überforderung der Muskulatur. Vorbeugung: Regelmäßige, nicht zu kurze Erholungsphasen helfen vorzubeugen. Vor dem Sport ausreichend aufwärmen, damit die Muskulatur gut durchblutet ist. Geschwächte oder besonders beanspruchte Stellen sollten mit einem Stützverband oder -strumpf unterstützt werden. Auskühlung vermeiden. Erste Hilfe: Aktivität sofort unterbrechen, dann nach der Pech-Regel vorgehen: P wie Pause - Körperteil sofort ruhig stellen, E wie Eis - betroffenes Körperteil etwa 20 Minuten kühlen, C wie Compression - Anlegen eines Druckverbandes, H wie Hochlagern - Körperteil hochlegen. Beim Krampf Unterschenkel dehnen Hanna Irabi Er ist lästig, aber nicht gefährlich: der Muskelkrampf im Bein. Wir sprachen mit Dr. Folker Boldt, dem ärztlichen Leiter des Zentrums für Sportmedizin Berlin, über Krämpfe und was man dagegen tun kann. Herr Dr. Boldt, wie lassen sich Muskelkrämpfe verhindern? Ältere Menschen sollten täglich Spazieren gehen und die betroffenen Muskeln dehnen. Sie sollten viel trinken und gut Essen, zum Beispiel Bananen, weil sie Kalium enthalten. Sportler müssen auch viel trinken, elektrolythaltige Getränke oder Mineralwasser mit Kochsalz. Vorausgesetzt, sie haben keinen hohen Blutdruck. Häufig wird geraten, auf Kochsalz zu verzichten. Aber nur mit ausreichend Natrium lässt sich auch Flüssigkeit im Körper speichern. Welche Übungen helfen bei einem akuten Krampf? Wer nachts von einem Wadenkrampf geweckt wird, sollte sich aufrichten, den gesamten Fuß gegen eine Unterlage drücken und so den Unterschenkel dehnen. Auch Selbstmassagen helfen. Oder man steht auf und rollt den Fuß über den Boden, das dehnt ebenfalls die Muskulatur. Warum treten Wadenkrämpfe eigentlich häufig nachts auf? Das ist nicht ganz klar. Möglich ist, dass es an der verminderten Durchblutung liegt, denn nachts arbeitet der Kreislauf auf Sparflamme. Darum hilft das aktive Anspannen der betroffenen Muskeln. Was tun, wenn man beim Schwimmen von einem Wadenkrampf überrascht wird? Das Wichtigste ist, nicht in Panik zu verfallen. Versuchen Sie, den Muskel zu dehnen und wieder Grund unter die Füße zu kriegen. Wer zu Muskelkrämpfen neigt, sollte besser tiefe Gewässer meiden. Das Interview führte Hanna Irabi. ------------------------------ Foto: Dr. Folker Boldt, Zentrum für Sportmedizin Berlin |





