| Wenn nur noch Schokolade tröstet |
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Berliner Morgenpost, 24. Oktober 2009 Wenn nur noch Schokolade tröstet von Karen Merkel www.fit-mit-fidelio.de Moppelchen. Dicke. Fettklops. Joana weiß nicht, wie oft sie so genannt wurde. Jedes einzelne Mal hat ihr wehgetan. Vor zwei Monaten hat die 14-Jährige dann gesagt: "Es reicht!" Zu den Kilos und zu den Jungs, die sie beschimpften. Joana wiegt 110 Kilo bei einer Körpergröße von 1,70 Metern. Und sie will abnehmen. Joana ist schön. Sie hat Augen wie grüner Bernstein. Sie lächelt oft und herzlich, ohne Verhuschen wegen der festen Zahnspange. Ihr helles Gesicht ist eingerahmt von dunklen Haaren, ein Schneewittchen-Antlitz. Joana mag ihr Gesicht und ihre feingliedrigen Hände. An der Rechten steckt ein goldener Ring mit einem weißen Edelstein. Er ist von ihrem Vater. "Er hat gesagt, der Stein sei echt, ich muss das mal checken lassen", sagt Joana. Sie rollt den Satz lässig hervor, doch ihre Stimme wackelt. Ihr Vater war der Grund, warum sie anfing zu essen. Zu wenig Bewegung, zu viel Fett Die Ursache für Übergewicht ist bei den meisten Jugendlichen komplex. Viele Kinder bewegen sich nicht ausreichend, lieber sitzen sie an der Spielekonsole oder surfen im Internet. Nur noch ein Bruchteil der deutschen Jugendlichen kommt auf die empfohlenen 60 Minuten erschöpfende Bewegung pro Tag. Kombiniert wird der Bewegungsmangel häufig mit fettem Essen - da sammeln sich die Kilos schon früh auf den Hüften. "Ich war schon immer mollig, aber nicht dick", sagt Joana. Als sie zehn Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Ihr rumänischer Vater ging unvermittelt zurück in seine Heimat, ihre Mutter musste die gemeinsame Baufirma in Schleswig-Holstein aufgeben. Es blieb ihr wenig Zeit und Kraft für Joana und ihren Zwillingsbruder Luca. Joana verstand das und wollte nicht zur Last fallen. Sie ließ sich trösten von Schokolade, Eis, heimlichen Käsebroten abends spät und obendrauf ein, zwei, drei Becher Joghurt. In den vier Monaten nach der Trennung nahm sie zehn Kilo zu. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) warnt, dass vor allem soziokulturelle Faktoren das Gewicht der Kinder beeinflussen. Übergewichtige Eltern ziehen oft dicke Kinder groß - weil sie die genetische Neigung zum Übergewicht vererben und falsches Essverhalten vorleben. Zum anderen spielt auch der Sozialstatus eine Rolle - je ärmer und zerrütteter eine Familie, desto häufiger bringen die Kinder zu viel auf die Waage. Immer ein paar Kilo mehr Seitdem sie zehn Jahre alt war, hat Joana die Aufwärtskurve immer nur kurz unterbrochen, mal für einen, mal für zwei Monate. "Dann kamen wieder noch ein paar Kilo dazu", sagt sie. Denn immer wenn es Stress gab, Streit mit ihrer Mutter, Ärger in der Schule, wurde Joana wieder schwach. Sie versuchte, ihren Kummer unter einem riesigen Kalorienberg zu begraben. "Ich habe versucht, meine Wut und meine Traurigkeit zu unterdrücken", sagt sie in ihrer gewählten Sprache, die zu erwachsen für ihr Teenie-Kichern ist. Mit 110 Kilo ist Joana adipös, das heißt so stark übergewichtig, dass es ihre Gesundheit ernsthaft gefährdet. Häufig klagen Betroffene über Atemnot und Gelenkschmerzen, doch auch chronische Krankheiten wie Diabetes Typ II werden immer häufiger - eine Krankheit, die bis vor wenigen Jahren nur ältere Menschen betraf. "Doch mittlerweile leiden mehr als ein Prozent der deutschen Kinder an Altersdiabetes", sagt Endré Puskas, Leiter des "Fidelio"-Programms im Sport-Gesundheitspark Wilmersdorf. Er trainiert dort rund 400 Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis zwölf Jahren, die ihre überflüssigen Pfunde loswerden möchten. Auch Joana gehört dazu. Sie ist mit ihrem Gewicht laut Kinder- und Jugendsurvey des Robert-Koch-Instituts eine von 800 000 adipösen Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Insgesamt sind 1,9 Millionen Kinder in Deutschland übergewichtig, das sind doppelt so viele wie noch Mitte der achtziger Jahre. Ihre Mutter kämpfte bereits gegen die Kilos, als sie Joana noch nicht störten. "Ich hab versucht, das Essen einzuschränken, wenn wir gemeinsam am Tisch saßen", sagt sie. Sowohl sie als auch Joanas Zwillingsbruder Luca sind groß und schlank. Doch als Alleinerziehende musste sie Vollzeit arbeiten - da blieben viele Stunden, in denen sie kein Auge auf die Kinder haben konnte. Weil Joanas Mutter in Berlin eine Arbeit fand, verließ die Berlinerin im Sommer 2008 das 900-Seelen-Dorf in Schleswig-Holstein und kehrte gemeinsam mit ihren Kindern zurück in ihre Heimatstadt. Joana und Luca gehen seitdem auf eine Gesamtschule in Buckow, rund drei Viertel der Schüler dort haben einen Migrationshintergrund. Joana bekam sofort Ärger mit den Jungs in ihrer Klasse. "Ich habe den Mund aufgemacht, wenn sie Stühle aus dem Fenster warfen", sagt sie. "Doch die Jungs dachten, eine Dicke müsste sich zurückhalten." Die Jungs hänselten und bedrohten sie. Vor allem der Sportunterricht wurde zur Qual. "Die Jungs ließen uns Mädchen meistens gar nicht mitspielen", sagt Joana. Sie schämte sich immer mehr für ihren Körper. In Schleswig-Holstein hatte sie noch zweimal in der Woche Karate gemacht, nun zog sie sich vor dem Sportunterricht nur noch auf der Toilette um. Als ihre Mutter ihr den "Fidelio"-Kurs vorschlug, wehrte Joana darum zunächst ab. "Ich hatte Angst, dort wären alle dünner und schneller als ich", sagt sie. Dieses Misstrauen erlebt Endré Puskas häufig: "Viele übergewichtige Kinder waren jahrelang Einzelgänger, wurden gehänselt und hinkten im Sportunterricht hinterher." Sie hätten noch nie ein Erfolgserlebnis durch Bewegung gehabt - und daher auch null Motivation, sich mehr als nötig zu bewegen. Auch Joana brauchte eine Weile. Erst als die Waage noch einmal vier Kilo mehr anzeigte, beschloss sie, den Versuch zu wagen. Seitdem ist Joana Teil einer Minderheit - laut BZgA trainieren nur 0,7 Prozent aller übergewichtigen Kinder in Deutschland in einem für sie geeigneten Sport- und Ernährungsprogramm. "Fidelio" ist auf zwei Jahre ausgerichtet. In den anderthalb Stunden Training sind möglichst viele Sportarten miteinander kombiniert - Fußball, Basketball, Hockey, Krafttraining. Auf diese Weise kommt keine Langeweile auf, und die Kinder können herausfinden, welche Sportart ihnen am besten gefällt. Immer wieder holt Puskas die Kinder zusammen, lässt sie einen Schluck Wasser trinken, lobt sie und spornt sie an. "Du hast toll mitgemacht", sagt er dann. Oder: "Ich weiß, du kannst das besser." Es hilft seinen Schützlingen, dass sie sich wahrgenommen fühlen, dass jemand daran glaubt, dass sie etwas schaffen können. "Ich treffe beim Sport nicht nur andere, die aus den gleichen Gründen abnehmen", sagt Joana. "Sondern auch welche, die aus den gleichen Gründen essen." Ihre Vorbilder sind Kinder, die bereits seit zwei Jahren dabei sind und "gertenschlank", wie Joana sagt. "Wenn die es geschafft haben, schaffe ich es auch", sagt Joana. Es ist ein langer Weg. Sie möchte zunächst zwanzig Kilogramm abnehmen - bis zum Normalgewicht wären es knapp 40 Kilogramm. Alle sechs Monate werden die Kinder getestet, auf Kondition, Koordination und Gewicht. "Wichtig ist, dass die Kinder immer nur mit sich selbst verglichen werden, niemals untereinander", sagt Endré Puskas. 4,3 Kilometer für einen Pfannkuchen Die Kinder und Eltern erhalten eine monatliche Ernährungsberatung, darüber hinaus versucht Endré Puskas beim Training ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie viele Kalorien sich in vielen Nahrungsmitteln verstecken. Zum Beispiel stapelt er einen Berg Pfannkuchen auf. Wer mag, darf einen essen - er muss nur hinterher viereinhalb Runden um den Sportplatz drehen, um ihn zu verbrennen. Das sind 4,3 Kilometer, sehr viel für einen untrainierten Läufer. "Wer da zugreift, überlegt beim nächsten Mal zweimal", sagt Puskas. Joana bemüht sich darum, ihr Essverhalten zu ändern. "Je mehr ich esse, um so länger muss ich trainieren", sagt sie. Also versucht sie, sich gesund zu ernähren. Fisch, Tomaten, Gurken, Salat, Saft und vielleicht zweimal in der Woche Salzstangen oder Gummibärchen kommen jetzt auf den Tisch. Ihre Mutter sagt ihr mittlerweile deutlich, was sie nicht essen darf. Joana findet das eigentlich gut. "Aber manchmal will ich einfach was Süßes", sagt sie und zieht eine Schnute. Doch sie bemüht sich, anders mit den Momenten umzugehen, in denen sie zuvor an den Kühlschrank ging. Wenn Frust aufkommt, versucht sie, die Konflikte gleich zu klären. Oder, wenn das nicht geht, dreht sie eines ihrer Michael-Jackson-Alben bis zum Anschlag auf. Danach geht es ihr immer besser. Sie ist sogar endlich zu den Jungs aus ihrer Klasse gegangen und hat ihnen gesagt: "Hört auf mit den Hänseleien, es reicht!" Es hat geklappt, seitdem ist Ruhe. |





